Erschöpfung verstehen – Wenn Körper und Seele nicht mehr können

Birthe Claußen
von Birthe Claußen

Wenn Müdigkeit nicht mehr verschwindet

Es gibt eine Müdigkeit, die kennt fast jede*r. Nach einer kurzen Nacht. Nach einem langen Tag. Nach zu vielen Eindrücken.

Und dann gibt es etwas anderes. Eine Erschöpfung, die bleibt. Die nicht weicht, egal wie früh man ins Bett geht oder wie ruhig der Sonntag ist. Eine Erschöpfung, die sich nicht wie „Ich brauche Schlaf“ anfühlt, sondern wie: Ich kann nicht mehr.

Viele Menschen merken den Unterschied erst spät. Nicht, weil sie ihn nicht spüren würden – sondern weil sie ihn lange übergehen.

Eine Person sitzt erschöpft mit gesenktem Kopf an einem Tisch – symbolisches Bild für tiefe Erschöpfung, innere Überforderung und die körperlichen und psychischen Symptome von Erschöpfung.

Müdigkeit ist ein Signal. Erschöpfung ein Zustand.

Müdigkeit ist meist konkret. Sie hat eine Ursache und ein Ende. Schlaf, Ruhe oder eine Pause helfen, und danach fühlt sich der Körper wieder tragfähiger an.

Tiefe Erschöpfung funktioniert anders. Sie betrifft nicht nur den Körper, sondern auch die innere Haltung zum Leben. Selbst einfache Dinge fühlen sich schwer an. Entscheidungen kosten Kraft. Kontakte werden anstrengend. Selbst schöne Momente erreichen einen kaum noch.

Erschöpfung ist kein Zeichen von Faulheit oder fehlender Motivation. Sie ist oft das Resultat davon, dass jemand über längere Zeit mehr getragen hat, als eigentlich möglich war.

Wie sich Erschöpfung zeigen kann – körperlich und psychisch

Erschöpfung hat viele Gesichter. Und nicht alle sehen gleich aus.

Körperlich zeigt sie sich häufig durch eine bleierne Müdigkeit, Schlaf, der nicht mehr erholt, eine dauerhafte innere Anspannung, Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden oder das Gefühl, ständig krank zu werden.

Psychisch kommen oft andere Zeichen hinzu: Konzentration fällt schwer, Gedanken kreisen, Reizbarkeit nimmt zu oder es entsteht eine innere Leere. Dinge, die früher leicht gingen, wirken plötzlich überfordernd. Manche beschreiben es als „abgeschaltet sein“, andere als ständige Überforderung.

Das Schwierige daran: Viele dieser Symptome werden einzeln betrachtet und nicht als zusammenhängendes Erleben.

Innere Antreiber: Wenn Aufhören sich nicht erlaubt anfühlt

Hinter Erschöpfung stehen häufig nicht nur äußere Belastungen, sondern auch innere Antreiber. Sätze, die leise mitlaufen und kaum hinterfragt werden:

  • Ich darf nicht schwach sein.
  • Andere schaffen das doch auch.
  • Ich muss funktionieren.

Diese inneren Stimmen halten Menschen oft länger im Durchhalten, als ihnen guttut. Pausen werden verschoben. Warnsignale relativiert. Grenzen überschritten – zuerst kleine, dann größere.

Nicht aus Ignoranz. Sondern aus Loyalität gegenüber Erwartungen, Rollen oder einem Selbstbild, das lange getragen hat.

Scham und Rückzug – wenn Erschöpfung still macht

Viele Menschen schämen sich für ihre Erschöpfung. Weil sie sie nicht erklären können. Weil sie „doch eigentlich genug Grund hätten, dankbar zu sein“. Oder weil sie Angst haben, nicht ernst genommen zu werden.

Scham führt oft zu Rückzug. Man sagt Termine ab. Meldet sich seltener. Zieht sich innerlich zurück, selbst wenn man äußerlich noch präsent ist. Und genau dadurch wird Erschöpfung unsichtbarer – für andere und manchmal auch für sich selbst.

Dabei ist Rückzug kein Zeichen von Desinteresse. Er ist häufig ein Schutzmechanismus eines Systems, das keine Reserven mehr hat.

Warum Erschöpfung kein persönliches Versagen ist

Erschöpfung entsteht selten plötzlich. Sie entwickelt sich schleichend – aus Dauerstress, innerem Druck, fehlender Regeneration und einem Nervensystem, das zu lange im Alarmmodus geblieben ist.

Wenn du tiefer verstehen möchtest, wie Stress im Gehirn und Körper wirkt, kann der Artikel „Was passiert bei Stress im Gehirn? Und warum der Körper mitredet“ hier eine hilfreiche Ergänzung sein.

Verstehen hilft nicht, weil es sofort etwas „löst“. Sondern weil es Schuldgefühle reduziert.

Einordnen statt bewerten

Erschöpfung braucht kein Urteil. Sie braucht Einordnung.

Sie ist kein Beweis dafür, dass jemand zu wenig kann. Sondern oft dafür, dass jemand zu lange zu viel musste.

Manchmal ist der wichtigste Schritt nicht, wieder leistungsfähig zu werden, sondern sich selbst wieder ernst zu nehmen. Wahrzunehmen, was da ist. Ohne Scham. Ohne Vergleich.

Denn Selbstwahrnehmung ist kein Luxus. Sie ist oft der erste Moment, in dem etwas von dem Druck weichen darf.

Birthe Claußen
Birthe Claußen
Ich bin Birthe – Heilpraktikerin für Psychotherapie und jemand, dem psychische Gesundheit wirklich am Herzen liegt. In meiner Arbeit begegne ich Menschen, die erschöpft sind, zweifeln, feststecken oder einfach das Gefühl haben, dass etwas im Inneren nicht mehr so funktioniert wie früher. Ich arbeite systemisch, humanistisch und kognitiv – vor allem aber menschlich und ehrlich. Mich interessiert nicht das „Funktionieren“, sondern dein Erleben: deine Geschichte, deine Muster, deine Belastungen und deine Kraft. Mein Ziel ist es, psychische Prozesse verständlich zu machen und Räume zu schaffen, in denen du nicht stark sein musst, sondern du selbst sein darfst. Ohne Druck, ohne Pathologisierung, ohne schnelle Lösungen – dafür mit Klarheit, Tiefe und echter Verbundenheit.

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