Was passiert bei Stress im Gehirn? Und warum der Körper mitredet

Birthe Claußen
von Birthe Claußen

Wenn dein Kopf nicht mehr „runterfährt“

Es gibt diese Tage, an denen du äußerlich funktionierst und innerlich trotzdem das Gefühl hast, auf zu hoher Drehzahl zu laufen. Du liest denselben Satz dreimal, ohne ihn zu behalten. Du reagierst schneller gereizt, obwohl du das gar nicht willst. Abends liegst du im Bett, müde bis in die Knochen und doch bleibt der Kopf wach, als hätte er den Ausgang nicht gefunden.

Viele Menschen deuten das als Charaktersache: zu sensibel, zu wenig belastbar, zu schwach. In Wirklichkeit ist es oft etwas anderes: ein Nervensystem, das zu lange in Alarmbereitschaft war und ein Gehirn, das sich an diesen Zustand angepasst hat.

Um zu verstehen, was da passiert, lohnt ein Blick nach innen. Nicht, um sich zu diagnostizieren. Sondern um sich zu entlasten.

Unscharfe, schemenhafte Darstellung einer Person – symbolisches Bild für die inneren Prozesse und die unsichtbare Belastung des Gehirns bei chronischem Stress.

Die Amygdala: dein inneres Alarmsystem

Die Amygdala ist so etwas wie ein Frühwarnsystem. Sie scannt ständig, ob Gefahr droht: sozial, emotional, körperlich. Unter akutem Stress ist das sinnvoll – du wirst schneller, wacher, fokussierter.

Unter chronischem Stress passiert jedoch etwas Tückisches: Die Amygdala wird empfindlicher. Sie springt früher an. Reize, die früher neutral waren, bekommen plötzlich Gewicht. Ein Tonfall. Eine Nachricht. Ein Blick. Es ist, als würde dein inneres Alarmsystem lauter stellen, weil es gelernt hat: Hier muss ich wachsam sein.

Das kann sich anfühlen wie innere Unruhe, Reizbarkeit oder das ständige Gefühl, „unter Strom“ zu stehen.

Der präfrontale Cortex: wenn Denken schwerer wird

Der präfrontale Cortex – vorne hinter der Stirn – hilft dir, zu planen, Entscheidungen zu treffen, Impulse zu regulieren, Perspektiven zu wechseln. Er ist dein „Steuerzentrum“, wenn es darum geht, Abstand zu gewinnen und nicht sofort zu reagieren.

Chronischer Stress schwächt genau diese Funktionen. Nicht weil du „dich nicht zusammenreißt“, sondern weil Stress Ressourcen umverteilt: weg von langfristigem Denken, hin zu kurzfristigem Überleben. In der Folge wird es schwerer, klar zu denken. Du wirst schneller ungeduldig, weniger flexibel, weniger gelassen. Kleinigkeiten fühlen sich größer an, weil das Gehirn weniger Kapazität hat, sie einzuordnen.

Das ist einer der Gründe, warum Menschen in Stressphasen oft sagen: „Ich erkenne mich nicht wieder.“

Der Hippocampus: wenn Erinnern und Einordnen brüchiger werden

Der Hippocampus ist wichtig für Gedächtnis, Lernen und Kontext. Er hilft dir, Erfahrungen einzuordnen: Ist das wirklich gefährlich? Oder erinnert es mich nur an etwas?

Unter chronischem Stress kann der Hippocampus in seiner Funktion beeinträchtigt werden. Das zeigt sich nicht als „Gedächtnislücke“ im klassischen Sinn, sondern subtiler: du vergisst Kleinigkeiten, bist weniger konzentriert, fühlst dich schneller überfordert, weil dein Gehirn weniger gut sortieren kann.

Und wenn der Hippocampus weniger gut einordnet, bekommt die Amygdala noch mehr Raum. Dann entsteht ein Kreislauf: Alarm wird wahrscheinlicher, Regulierung wird schwieriger.

Cortisol und die Stressachse: wenn der Körper dauerhaft in Bereitschaft bleibt

Stress ist nicht nur im Kopf. Er ist ein körperlicher Zustand. Über die Stressachse (HPA-Achse) wird Cortisol ausgeschüttet – ein Hormon, das Energie mobilisiert. Kurzfristig hilft das: du kannst funktionieren, obwohl du erschöpft bist.

Langfristig hat das jedoch Nebenwirkungen. Chronischer Stress im Körper kann sich zeigen durch: Schlafprobleme, Anspannung, Verdauungsbeschwerden, Herzklopfen, häufige Infekte, innere Unruhe oder Erschöpfung, die sich nicht „wegschläft“.

Viele Menschen erschrecken, weil sie spüren: „Mein Körper macht nicht mehr mit.“

Dabei ist das keine Schwäche. Es ist Biologie.

Gedankenkreisen und Überreagieren: Alltagsfolgen, die plötzlich Sinn ergeben

Wenn Alarmbereitschaft höher ist und Steuerung schwerer fällt, erklären sich typische Alltagsphänomene fast von selbst:
Gedankenkreisen ist oft der Versuch des Gehirns, Kontrolle herzustellen, wo innerlich Unsicherheit herrscht. Überreagieren passiert nicht, weil du „zu emotional“ bist, sondern weil dein System schneller anspringt und weniger Puffer hat. Konzentrationsprobleme entstehen, weil Ressourcen gebunden sind. Und Erschöpfung entsteht, weil Daueranspannung Kraft kostet – jeden Tag, auch wenn äußerlich nichts „Schlimmes“ passiert.

Das Entscheidende: Diese Symptome sind nicht willkürlich. Sie sind verständlich.

Was jetzt entlasten kann: nicht optimieren, sondern regulieren

Wenn du merkst, dass dein Nervensystem im Dauermodus läuft, geht es nicht darum, noch mehr „richtig zu machen“. Oft geht es darum, dem System wieder kleine Signale von Sicherheit zu geben.

Wenn du dazu weiterlesen möchtest, passt als nächster Schritt der Artikel: „Was Menschen in belastenden Phasen oft vergessen – Atem, Rhythmus, Pausen“. Er knüpft genau dort an, wo Wissen allein nicht reicht: bei dem, was dein Körper im Alltag braucht, um wieder herunterzufahren.

Wenn dein System zu lange durchgehalten hat

Was passiert bei Stress im Gehirn?

Nicht „nur“ Gedanken. Nicht „nur“ Emotionen. Sondern ein ganzes System, das versucht, dich handlungsfähig zu halten.

Wenn du dich in Gedankenkreisen, Gereiztheit oder Überforderung wiedererkennst, ist das kein Beweis dafür, dass mit dir etwas „falsch“ ist. Es ist ein Hinweis darauf, dass dein System zu lange zu viel getragen hat.

Verstehen ist kein Ersatz für Veränderung aber es ist oft der Anfang von Entlastung. Und manchmal ist genau das der erste Moment, in dem wieder etwas weicher werden darf.

Birthe Claußen
Birthe Claußen
Ich bin Birthe – Heilpraktikerin für Psychotherapie und jemand, dem psychische Gesundheit wirklich am Herzen liegt. In meiner Arbeit begegne ich Menschen, die erschöpft sind, zweifeln, feststecken oder einfach das Gefühl haben, dass etwas im Inneren nicht mehr so funktioniert wie früher. Ich arbeite systemisch, humanistisch und kognitiv – vor allem aber menschlich und ehrlich. Mich interessiert nicht das „Funktionieren“, sondern dein Erleben: deine Geschichte, deine Muster, deine Belastungen und deine Kraft. Mein Ziel ist es, psychische Prozesse verständlich zu machen und Räume zu schaffen, in denen du nicht stark sein musst, sondern du selbst sein darfst. Ohne Druck, ohne Pathologisierung, ohne schnelle Lösungen – dafür mit Klarheit, Tiefe und echter Verbundenheit.

Noch keine Kommentare vorhanden

Was denkst du?

© 2025 | Birthe Claußen
DatenschutzImpressum
..